Warum das letzte, was aus Pandoras Krug kam, vielleicht gar nicht herauskam
Der Krug der Pandora
Jeder kennt die Geschichte: Pandora öffnet die Büchse, alle Plagen fliegen in die Welt, und ganz zuletzt kommt die Hoffnung heraus, als Trost gegen das Elend. So wird sie seit Jahrhunderten erzählt.
Bei Hesiod, der sie um 700 vor Christus aufschrieb, steht etwas anderes. Pandora öffnet keine Büchse, sondern einen großen Vorratskrug. Die Übel entweichen. Doch bevor die Hoffnung, griechisch Elpis, hinausgelangt, schließt Pandora den Deckel. Die Hoffnung bleibt im Krug. Die „Büchse“ kam erst viel später durch eine Übersetzung in die Geschichte.
Seitdem streiten Gelehrte, was das bedeutet. Wurde die Hoffnung den Menschen als letzter Trost bewahrt? Oder blieb sie eingeschlossen, weil auch sie zu den Übeln gehört, nur zu einem, das man nicht als Übel erkennt?
Diese Frage ist der Ausgangspunkt dieses Essays. Ist die Hoffnung das Licht gegen die Plagen, oder ist sie die größte von allen?
Wenn Hoffnung lähmt
Friedrich Nietzsche hatte eine klare Antwort. In „Menschliches, Allzumenschliches“ deutet er den Mythos so: Zeus ließ die Hoffnung im Krug, damit die Menschen sich weiter quälen lassen. Sie sei in Wahrheit das schlimmste aller Übel, weil sie die Qual verlängert.
Das klingt hart. Aber man kennt es aus dem eigenen Leben. Wir bleiben in einer Beziehung, die längst vorbei ist, weil wir hoffen, sie wird wieder wie früher. Wir halten an einer Arbeit fest, die uns auslaugt, weil wir hoffen, es kommt noch die Beförderung. Wir verschieben das eigene Leben auf später, weil wir hoffen, dass dann die Umstände besser sind.
In all diesen Fällen bewegt uns die Hoffnung nicht. Sie hält uns fest. Sie hält uns an einem Glaubenssatz fest, der in Gegensätzen denkt: so ist es, so sollte es sein. Und solange wir hoffen, dass sich das Außen ändert, müssen wir selbst nicht handeln.
Seneca kannte diesen Mechanismus. In seinem fünften Brief an Lucilius zitiert er sinngemäß den Stoiker Hekaton: Du wirst aufhören zu fürchten, wenn du aufhörst zu hoffen. Hoffnung und Furcht sind keine Gegensätze. Sie sind zwei Seiten derselben Unruhe, beide blicken in eine Zukunft, die es noch nicht gibt.
In „Der Einklang des Paradoxen“ steht derselbe Gedanke so:
„Hoffnung ist dasselbe Prinzip in anderer Verpackung. Alles, was du voller Hoffnung erwartest, trägt die Enttäuschung in sich.“
Nigredo: der Punkt, an dem die Hoffnung stirbt
Die Alchemisten nannten die erste Stufe ihres Werks Nigredo, die Schwärzung. Der Stoff wird erhitzt, bis er zerfällt. Alles, was vorher Form hatte, löst sich auf. Erst aus dieser Schwärze kann etwas Neues entstehen.
Wer eine solche Phase im eigenen Leben erlebt hat, kennt einen merkwürdigen Moment darin. Lange kämpft man gegen den Zerfall, versucht zu retten, was zu retten ist, hofft auf eine Wende. Und dann, irgendwann, hört man auf zu hoffen. Nicht aus Verzweiflung, sondern weil nichts mehr zu halten ist.
Genau dort kippt etwas. Was vorher Kraft für das Festhalten gebunden hat, wird frei. In „Der Einklang des Paradoxen“ beschreibe ich diesen Moment aus eigener Erfahrung:
„Warum sind es gerade die aussichtslosesten Momente, die dir am ehesten die Chance geben, tatsächliche Veränderung einzuleiten? Weil das genau der Moment ist, wo du deine Umstände, deine bisherigen Fehler, deine Verfehlungen tatsächlich in die Akzeptanz bringst. […] Es ist nichts mehr zu verlieren. Lass uns neu beginnen.“
Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt der Nigredo. Nicht der tiefste Punkt des Schmerzes, sondern der Moment, in dem die Hoffnung aufgegeben wird und damit Platz entsteht. Platz für etwas, das man nicht erhoffen konnte, weil man es sich vorher nicht vorstellen konnte.
Jenseits der Hoffnung
Der Buddhismus geht noch einen Schritt weiter. Hoffnung und Furcht gelten dort als Paar, das den Geist aus der Gegenwart reißt. Die eine zieht nach vorn zu dem, was kommen soll. Die andere zieht weg von dem, was kommen könnte. Beide verfehlen das, was jetzt ist.
Die amerikanische Nonne Pema Chödrön hat das in „Wenn alles zusammenbricht“ für westliche Leser übersetzt. Sie beschreibt das Aufgeben der Hoffnung nicht als Niederlage, sondern als Ermutigung: Wer nicht mehr hofft, dass alles anders wird, kann sich endlich dem zuwenden, was da ist.
Darin liegt vielleicht das, was der Buddhismus Befreiung nennt. Nicht ein Zustand, in dem alle Wünsche erfüllt sind, sondern einer, in dem man nicht mehr auf ihre Erfüllung wartet. Man handelt im Hier und Jetzt, mit allem, was notwendig ist, und mit nichts, was nur erhofft ist.
Das ist keine Passivität. Wer nicht mehr hofft, dass sich die Dinge von selbst ändern, muss sie selbst in die Hand nehmen. Die Hoffnung lässt warten. Ihr Ende lässt handeln.
Ohne Hoffnung oder jenseits davon
Hier braucht es eine Unterscheidung, sonst wird aus diesem Gedanken etwas Gefährliches. Über dem Tor zur Hölle steht bei Dante: Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet. Dort ist das Ende der Hoffnung kein Neubeginn, sondern Verdammnis.
Es gibt also zwei Arten, die Hoffnung zu verlieren. Die eine ist Hoffnungslosigkeit: Man hört auf zu hoffen, weil man nichts mehr erwartet, auch nicht von sich selbst. Das ist Verzweiflung, und sie lähmt noch mehr als jede Hoffnung.
Die andere ist Hoffnungsfreiheit: Man hört auf zu hoffen, weil man nicht mehr auf etwas Fernes wartet. Man vertraut dem, was ist, und handelt darin. Das ist keine Leere, sondern eine Fülle, die nicht mehr vertröstet werden muss.
Václav Havel hat diese zweite Form einmal so beschrieben: Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Damit meint er dasselbe wie die Hoffnungsfreiheit, nur mit dem alten Wort. Eine Hoffnung, die nichts mehr erwartet, ist keine Hoffnung mehr. Sie ist Vertrauen.
Wer gerade in Verzweiflung steckt und keinen Ausweg sieht, für den ist dieser Text kein Rat, die Hoffnung aufzugeben. Er braucht zuerst Halt, und den findet man bei anderen Menschen. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar: in Österreich unter 142, in Deutschland unter 0800 111 0 111.
Vertrauen in das, was ist
Vielleicht hat Pandora den Deckel nicht zu früh geschlossen. Vielleicht hat sie die Hoffnung im Krug gelassen, damit wir lernen, ohne sie zu leben. Nicht ohne Zukunft, sondern ohne das Warten auf sie.
Dann wäre die Hoffnung weder Licht noch Plage. Sie wäre eine Stufe. Man braucht sie, solange man noch nicht vertrauen kann. Und man lässt sie los, wenn das Vertrauen trägt: nicht in das, was kommen soll, sondern in das, was ist.
Dieser Essay hat keine Antwort, die für alle gilt. Für manche ist Hoffnung gerade das Einzige, was sie aufrecht hält, und das ist kein Fehler. Für andere ist sie das Seil, das sie an einen Ort bindet, den sie längst verlassen sollten.
Welche Rolle spielt die Hoffnung in deinem Leben? In der Agora sammeln wir genau solche Perspektiven. Keine muss gewinnen. Erst zusammen ergeben sie das Bild.
Josef Krische ist Experimentalphysiker und Autor von „Der Einklang des Paradoxen“.
Erzähl uns davon: Hilft dir Hoffnung, oder hält sie dich manchmal auf?
Quellen und Hinweise
- Hesiod: Werke und Tage, Verse 90–105 (der Krug der Pandora).
- Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I, Aphorismus 71, sinngemäß wiedergegeben.
- Seneca: Briefe an Lucilius, 5. Brief, mit dem Zitat des Hekaton, sinngemäß wiedergegeben.
- Pema Chödrön: Wenn alles zusammenbricht (englisch When Things Fall Apart, 1997), sinngemäß wiedergegeben.
- Dante Alighieri: Göttliche Komödie, Inferno, 3. Gesang.
- Václav Havel: Gesprächsband Fernverhör (1986), sinngemäß wiedergegeben.
- Josef Krische: Der Einklang des Paradoxen, Kapitel 11 und 12.